„Die Menschen haben ihre Hoffnung nicht verloren“
Die Frauenrechtlerin und freie Journalistin Nele Möhlmann hat am Mittwochabend in Hannover einem interessierten Publikum von rund 25 Personen von ihren Erfahrungen ihres einjährigen Aufenthalts in den Gebieten der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES) im Jahr 2024 berichtet. Auch die aktuelle Situation in Syrien ist zum Thema gemacht worden und eine besondere Aufmerksamkeit ist den Frauen der Region zuteil geworden. Möhlmann stellte deren Errungenschaften ebenso dar, wie ihre Forderungen für die Zukunft eines demokratischen und pluralistischen Syriens.
Zu dem informativen Abend hat die Hannoveraner Gruppe der Kampagne „Women Defend Rojava“ in die Räume des Kulturvereins „Gemeinschaften der Kommunen Mesopotamiens“ (Yekîniyên Komûnên Mezopotamya, YKM) eingeladen. Der Vortrag fand im Rahmen des Begleitprogramms zur Wanderausstellung „Jin Jiyan Azadî – die Errungenschaften der Frauenrevolution“ statt, die noch bis zum 17. Oktober in der Ada- und Theodor Lessing Volkshochschule in Hannover zu besichtigen ist.

Kampf um die Zukunft Syriens
Mit einem Überblick über die aktuelle politische Lage und einer Einordnung in die Geschichte des Aufbaus und der Entstehung der Selbstverwaltung wurden die Teilnehmenden in die Thematik eingeführt. Darin wurden auch die Angriffe auf die selbstverwalteten Stadtteile Şêxmeqsûd und Eşrefiyê in Aleppo in den vergangenen Tagen noch einmal beleuchtet und in die Gesamtheit der politischen Prozesse eingeordnet.
Seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 gibt es neue, tiefgreifende politische und gesellschaftliche Entwicklungen in Syrien. Einerseits verfolgt die von Islamisten geführte Übergangsregierung eine Politik, die von Massakern an Minderheiten wie der drusischen oder alawitischen Bevölkerung geprägt ist. Anderseits streben verschiedene Organisationen in der DAANES eine Stärkung der demokratischen Verbindungen zwischen allen Teilen der syrischen Bevölkerung an, allen voran die Frauen.

Frauen als Vorreiterinnen
Besonders deutlich wurde die Bedeutung der Selbstverteidigung. „Es ist sehr beeindruckend, was die Frauen alles erschaffen haben. Sowohl militärisch als auch auf der Ebene der Bildung und vor allem derjenigen Bildung, die auch die Männer miteinbezieht“, so eine Teilnehmerin.
In diesem Zusammenhang wurde vor allem über die Frauenrechtsorganisation Sara berichtet, die sowohl Seminare in den Dörfern gibt als auch von Gewalt betroffene Frauen und ihre Familien vor Gericht vertritt sowie diese auch psychologisch begleitet. Der Kontext verdeutlichte anschaulich die Bedeutung der Vorreiterinnenschaft der Frauen. Diese zeigt sich im alltäglichen Kampf gegen Feminizide und patriarchale Gewalt ebenso, wie beim Veranstalten von Demonstrationen und politischen Festen wie zum 25. November, dem Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen, oder dem 8. März, dem internationalen Frauentag.

Selbstverteidigung als Prinzip
Es wurde im Verlauf des Vortrags auch nachdrücklich ersichtlich, dass der Aufbau einer demokratischen Selbstverteidigung der aktiven Mitgestaltung der gesamten Gesellschaft bedarf, um sich nachhaltig und stetig weiterzuentwickeln. An dieser Stelle kam beispielhaft dem Widerstand am Tişrîn-Staudamm zu Beginn dieses Jahres besondere Aufmerksamkeit zu. Dort hatten Kinder, Frauen und Männer aus der Gesellschaft sowie Kämpfer:innen der Selbstverteidigungskräfte erfolgreich gegen türkische Drohnenangriffe zusammengehalten.
Ein demokratisches Leben für alle
Für die Menschen der demokratischen Selbstverwaltung ist nach der Befreiung vom Assad-Regime die grausame Realität des Krieges nicht verschwunden. Doch trotz dieser Angriffe haben sie ihre Hoffnung für ein freies und demokratisches Syrien nicht verloren, so Möhlmann. Und so bleibe ihr Widerstand ungebrochen. Sie bauten Verbindungen auf, hielten Kongresse ab, gründeten Organisationen und führten diplomatische Beziehungen über das ganze Staatsgebiet hinweg mit dem Ziel, gemeinsam ein demokratisches Leben für alle aufzubauen, erklärte die Journalistin.
Das Gespräch und der Austausch mit der Referentin wurde im Anschluss weiterhin angeregt fortgesetzt, was dafür spricht, dass die Veranstaltung bei den Zuschauenden viel Neugierde geweckt hat, die Errungenschaften der Frauenrevolution weiter kennenzulernen.