Ein von der Kunst genährtes Streben nach Freiheit: Şirin Işık
Die gefallene YJA Star-Kommandantin Şirin Işık hinterließ ein Leben, in dem das Streben nach Freiheit eng mit der Kunst verflochten war.
Die gefallene YJA Star-Kommandantin Şirin Işık hinterließ ein Leben, in dem das Streben nach Freiheit eng mit der Kunst verflochten war.
Die Kommandantin der kurdischen Frauenguerilla, Verbände freier Frauen (YJA Star), Şirin Işık (Arvîn Çirav Botan) ist am 10. April 2018 bei Angriffen der türkischen Armee in Südkurdistan gefallen. An- und Zugehörigen nach hinterließ sie ein Vermächtnis aus Migration, Widerstand, Kunst und dem Streben nach Freiheit.
Şirin wurde in Şirnex (tr. Şırnak) geboren und wanderte mit ihrer Familie in den Bezirk Akdeniz in Mersin aus, nachdem ihr Dorf in einer Welle zunehmender Repressionen niedergebrannt worden war. Obwohl sie ihre Kindheit fortan an einem Ort verbrachte, der ihr fremd war, verlor sie Freund:innen zufolge nie den Bezug zu ihrer eigenen Kultur.
Schließlich entdeckte die junge Frau die Musik für sich und nahm im Jahr 2011 Gitarrenunterricht im Mesopotamischen Kulturzentrum (MKM). Nach Abschluss ihrer Ausbildung arbeitete sie dort weiterhin als Lehrerin und trat auch bei Konzerten auf. Nach einer Augenoperation wandte sie sich den Bergen zu. Vor allem der Kampf um Kobanê in der Verteidigung gegen den selbsternannten Islamischen Staat (IS) habe bei ihr zu einer Veränderung geführt.
ANF hat mit Familienangehörigen und Freund:innen von Şirin Işık gesprochen, die die Erinnerung an sie mit ihren Erzählungen und Geschichten am Leben halten.
„… alles an ihr hatte Einfluss auf die Menschen“
Kadir Çat, der mit Şirin Işık bei kulturellen und künstlerischen Aktivitäten zusammenarbeitete, erklärte, dass eines ihrer Lieblingslieder Delîlas Stück „Şev Tarî“ war. Şirins Verbindung zur Kunst, so Çat, spiegelt sich in diesem Lied wider.
Er erinnerte sich, dass Şirin Işık in ihrer künstlerischen Arbeit rasante Fortschritte gemacht habe: „Genossin Şirin liebte dieses Lied sehr. Sie war noch nicht daran gewöhnt, die Gitarre zu halten, aber wenn Şehîd Delîla es sang, nahm sie die Gitarre und sagte: ‚Lasst uns dieses Lied zusammen singen.‘ Dieses Lied hatte einen besonderen Platz für mich und vor allem für Genossin Şirin. Obwohl ich älter war als sie, waren ihre Herangehensweise an die Arbeit, ihre Nähe zur Kunst und ihr Engagement für diese Bewegung immer einzigartig. Ihr Lächeln, ihre Sprache, ihre Hingabe, ihre Freundschaft ... alles an ihr hatte Einfluss auf die Menschen.
Wie kann ein Mensch so schnell eine Bindung aufbauen und sich so schnell entwickeln? Genossin Şirin machte innerhalb von zwei bis drei Jahren große Fortschritte. Ihre Arbeit und ihre organisatorischen Fähigkeiten waren bemerkenswert stark.“
„Anstatt zu hinterfragen, haben wir sie unterstützt“
Şirins Mutter, Cevahir Işık, sprach über die Veränderungen im Leben ihrer Tochter und den Prozess, den sie durchgemacht haben. Sie erklärte, dass sie sich dafür entschieden habe, die Entscheidungen ihrer Tochter zu unterstützen, anstatt sie in Frage zu stellen. Mit dem Angriff des IS auf Kobanê im Jahr 2014 hätten die Gedanken und die Orientierung ihrer Tochter begonnen, sich zu verändern. Cevahir Işık fügte hinzu, dass sich ihre Tochter in dieser Zeit einer Augenoperation unterzog. Nach zwei Wochen Erholung ging Şirin, ohne eine weitere medizinische Untersuchung, in die Berge.
„Şirin war sowohl furchtlos als auch talentiert“
Şirin studierte am MKM gemeinsam mit ihrer Nichte, Zelal Işık. Diese erinnerte sich vor allem an Şirins Mut und Talent. Sie sagte: „Ich habe mich einmal in der Schule geprügelt, und selbst da war sie ein so furchtloses Mädchen. Wenn ich in der Schule in einen Streit geriet, stellte sie sich vor alle und verteidigte mich. Das war bei uns allen so. Sie war sowohl furchtlos als auch sehr talentiert.
Sie konnte in kurzer Zeit alles erreichen. Während der Trainings brachte sie allen schon in der ersten Woche bei, wie man sich zusammenschließt. Wir fuhren mit ihr nach Êlih (Batman) und Amed (Diyarbakır) und gaben Konzerte in Mersin. Innerhalb eines Jahres war sie keine Schülerin mehr, sondern gab selbst Unterricht. Bevor sie ging, sagte sie immer: ‚Ich möchte Flöte spielen.‘ Sie nahm zwei Monate lang Flötenunterricht und war sehr erfolgreich. Zu dieser Zeit begann sie auch, an Parteiveranstaltungen teilzunehmen.
Tiefes Vertrauen und Stolz
Wir vertrauten Şirin sehr, ebenso wie ihre Familie. Es gab Zeiten, in denen sie nicht nach Hause kam, aber wir wussten, was sie tat. Wir haben sie nie hinterfragt, weil wir wussten, dass ihr Weg der richtige war. Ja, wir haben sie sehr vermisst, und ihre Mutter war sehr traurig, aber alle hatten unendliches Vertrauen in sie. Sie sagte sogar zu ihrer Mutter: ‚Ich empfinde Trauer, aber sie kommt aus meinem Inneren; eines Tages werde ich gehen.‘“
Auch Şirins Schwester Fatma Işık teilte diese Erinnerung: „Als meine Schwester ging, war ich noch sehr jung, gerade einmal elf Jahre alt. Sie hinterließ uns schöne Erinnerungen. Wir sind nur stolz auf sie.“
Şirin wurde durch ihr Leben und Handeln zu einem Vorbild
Die gemeinsamen Gespräche über den Kampf der Frauen waren für Cejna Saruhan, die mit Şirin Işık am MKM studierte, die einprägsamsten Momente der gemeinsamen Tage. Cejna betonte, dass Şirin in dieser Hinsicht eine sensible und wegweisende Persönlichkeit war.
„Sie verteidigte den Kampf der Frauen und glaubte, dass alle Frauen ihren eigenen Willen und ihre Rechte verteidigen sollten. Unsere Gespräche drehten sich ohnehin meistens um den Kampf der Frauen. Mit ihrer Haltung und ihrem Handeln war sie eine Frau, die den Kampf der Frauen anführen konnte. Durch ihr Leben und ihr Handeln wurde sie für uns zu einem Vorbild“, erzählte Cejna.
„Ich habe in ihr die Essenz der Genoss:innenschaft gefunden“
Ein weiterer Freund, der mit Şirin Işık zusammengearbeitet hat, aber aufgrund eines laufenden Verfahrens gegen sie im Zusammenhang mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) nicht namentlich genannt werden wollte, beschrieben, wie Şirin ihre Mitmenschen mit ihrem Mut beeindruckt habe.
„Es reicht nicht aus, nur von Şirin zu sprechen. Ich habe in ihr wirklich die Essenz der Genoss:innenschaft gefunden. Das war das, was sie auszeichnete, und sie war sich dessen bewusst. Ja, hier war sie mutig, eine junge Frau, die ihre Mitmenschen beeinflussen konnte. Sie war sich dessen bewusst und konnte es hier tun, aber sie wollte sich immer dort [bei der Guerilla in den freien Bergen Kurdistans, Anm. d. Red.] beweisen.
Sie wollte in diesem Gebiet leben, an dem Ort, an dem sie die Entschlossenheit des Kampfes tiefer erleben konnte. Das hat sie oft zum Ausdruck gebracht. Und aus diesem Grund entschied sie sich zu gehen. Sie schloss sich dem Kampf mit ihrer ganzen emotionalen Intensität, aber auch ideologisch an. Dieser Ort hat sie geprägt.“