Nachdem sie einige der schlimmsten Formen staatlicher und geschlechtsspezifischer Gewalt erlitten haben, von niedergebrannten Dörfern und Zwangsumsiedlungen bis hin zum Verlust geliebter Menschen und der unrechtmäßigen Inhaftierung ihrer Kinder, haben sich die Friedensmütter am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, auf den Protesten auf der Straße beteiligt und Frieden gefordert.
Gegenüber ANF äußerten sie in diesem Rahmen: „Wir müssen zuerst Frieden schaffen, und das kann nicht durch einseitige Schritte erreicht werden.“
„Der Staat darf sich nicht hinter Frauenmördern verstecken“
Die Friedensmutter Kumru Akgül wies darauf hin, dass der diesjährige 25. November zu einer Zeit stattfindet, in der Gewalt gegen Frauen und Kinder ein extremes Ausmaß erreicht hat, Femizide den Charakter von Massenmorden angenommen haben und die Errungenschaften von Frauen von den Machthabern untergraben werden.
Akgül zeigte sich angesichts der immer wiederkehrenden Erfahrung der Kriminalisierung der Proteste ernüchtert: „Wir hätten uns gewünscht, dass der 25. November zum offiziellen Feiertag erklärt worden wäre und wir nicht wie jedes Jahr mit Verboten des Gouverneurs oder Behinderungen durch die Polizei konfrontiert worden wären.
Wir Frauen versammeln uns, um gegen die uns zugefügte Gewalt zu protestieren, und sehen uns dabei mit staatlicher Gewalt konfrontiert. Das sollte nicht so sein. Der Staat darf sich nicht hinter Frauenmördern verstecken.“
„Dieses Land braucht Frieden“
Ihre wichtigste Forderung am diesjährigen 25. November, so Akgül weiter, sei Frieden. Dieser könne nur durch die Beharrlichkeit von Frauen und Müttern in der Gesellschaft Fuß fassen. Was Krieg bedeutete, habe sie anhand eigener Erfahrungen lernen müssen, erinnerte sich die Friedensmutter: „Wir haben unermesslich gelitten. Unser Dorf Çêlik in Kerboran (tr. Dargeçit), Mêrdîn (Mardin), wurde 1993 vom Staat niedergebrannt, und wir wurden gezwungen, nach Istanbul zu ziehen. Auch dort hatten wir mit Schwierigkeiten zu kämpfen.“
Die Friedensmutter berichtete, dass ihre Kinder schon sehr jung zum Familieneinkommen beitragen mussten. Auch sei sie aufgrund ihres Engagements immer wieder festgenommen worden. Kumru Akgül gibt trotz erlittener Folter nicht auf: „Ich werde immer noch wegen der Verletzungen behandelt, die ich durch diese Schläge erlitten habe. Durch die Fesselung der Hände auf dem Rücken wurden mir die Arme zerrissen; sie schlugen mich so sehr, dass sie meine Knie beschädigten.
Aber trotz allem geben wir nicht auf und hören nicht auf, ‚Frieden‘ zu sagen. Denn wir wissen, dass dieses Land zuerst Frieden erreichen muss. Wir müssen uns versöhnen, damit das Leben wieder normal werden kann und dieses Klima der Gewalt endlich ein Ende findet.“
„Meine Schwiegermutter starb vor Schrecken“
Mit dieser Überzeugung stimmt auch die Friedensmutter Resime Karabaş überein: Frieden sei ihre wichtigste Forderung für den 25. November. Karabaş hat ebenfalls unter schwerer Gewalt durch den Staat gelitten und erinnerte daran, dass ihr Dorf in Bedlîs (Bitlis) 1994 von Soldaten niedergebrannt worden sei, was ihr Leben auf den Kopf gestellt habe.
Sie sagte, dass nicht nur ihre Häuser zerstört, sondern auch ihre Tiere getötet worden seien. Karabaş fügte hinzu: „Ich war 20 Jahre alt, als unser Dorf niedergebrannt wurde. Ich war an diesem Tag nicht im Dorf, aber sowohl die Familie meines Mannes als auch meine Eltern waren dort. Meine Schwiegermutter wurde an diesem Tag auf den Feldern krank vor Schreck über das, was geschah, und starb. Sie war schon alt und bereits krank; als das Haus in Brand gesetzt wurde, brachten die Jüngeren sie auf die Felder, und sie erlitt vor Angst einen Herzinfarkt.
Die Menschen wurden gezwungen zu fliehen. Alle zerstreuten sich in verschiedene Richtungen. Wir haben unter diesem Krieg sehr gelitten, wir haben unsere Lieben verloren, und unsere Augen waren immer auf die Straße gerichtet, in Erwartung.“
Klare Forderungen
Karabaş erklärte, dass dies der Grund sei, warum Frieden ihre dringendste Forderung sei, und fuhr fort: „Ob kurdisch oder türkisch, Frieden ist für alle Völker wichtig. Wir müssen zuerst Frieden schaffen, und das kann nicht durch einseitige Schritte erreicht werden. Auch der Staat und das Parlament müssen Maßnahmen ergreifen und zeigen, dass sie diesen Prozess ernst nehmen. Die notwendigen Gesetze müssen unverzüglich verabschiedet werden und Abdullah Öcalan muss seine körperliche Freiheit erlangen. Solange Öcalan nicht frei ist, wird auch das kurdische Volk nicht frei sein.“
Bewusstsein als erster Schritt der Frauenbefreiung
Gewalt und Frauenmorde nehmen von Jahr zu Jahr zu, sagte die Friedensmutter, aber Frauen seien nicht in der Lage, gemeinsam dagegen vorzugehen. Ohne kollektives Handeln, so warnte sie, würden Frauen weiterhin noch stärkerer männlicher Gewalt ausgesetzt sein.
„Frauen müssen Einschränkungen ihrer Freiheit von Anfang an ablehnen. Beispielsweise sollten sie es nicht akzeptieren, wenn Männer ihnen Dinge wie ‚Du hast zu kochen‘ oder ‚Du wirst das Haus nicht verlassen‘ vorschreiben. Zunächst hielt ich das für normal, weil die Frauen sich nicht dagegen wehrten. Diese Denkweise war tief verwurzelt. Ich kannte meine Rechte als Frau nicht und wusste nicht einmal, dass es das kurdische Volk gab.“
Vertrauen braucht Aufrichtigkeit
Ihre Sichtweise habe sich schließlich durch die kurdische Bewegung grundlegend geändert: „Dank der kurdischen Bewegung habe ich meine Identität als Frau und als Kurdin erkannt. Mein Horizont hat sich erweitert, meine Gedanken haben sich geändert. Aufgrund dieser Bewegung weiß und erkenne ich mich heute als kurdische Frau.
Ohne diese Bewegung, ohne Herrn Öcalan, hätte das kurdische Volk nicht so weit kommen können. Natürlich vertrauen wir als Kurd:innen uns selbst und glauben, dass Frieden kommen wird, aber wir vertrauen der anderen Seite nicht. Damit wir Vertrauen fassen können, müssen sie zuerst Aufrichtigkeit zeigen.“
Friedensmütter fordern vollständige Lösung
Fehlende wirksame Maßnahmen des Staates gegen die anhalte Gewalt gegen Frauen bis hin zu Morden kritisierte auch Fince Akman, eine weitere Friedensmutter, stattdessen schütze der Staat männliche Täter. Diesen Kreislauf hätten die Friedensmütter nie akzeptiert und würden dies auch in Zukunft nicht, stellte Akman klar. Im Gegenteil, die Friedensmütter fordern demgegenüber eine vollständige Lösung.
Gleichberechtigung, so betonte sie, sei die Grundlage für die Lösung jedes Problems: „Männer dürfen sich nicht als Frauen überlegen betrachten, dürfen Frauen nicht durch psychische oder physische Gewalt unterdrücken und dürfen sie nicht durch Morde zum Schweigen bringen. Das akzeptieren wir nicht. So wie wir uns jahrelang gegen die Versuche des Staates gewehrt haben, unsere kurdische Identität zu leugnen und uns durch Gewalt und Massaker zum Schweigen zu bringen, werden wir uns auch gegen die Diskriminierung von Frauen wehren.“
„Wir warten auf Schritte“
Auch Akman betonte, Friede werde am 25. November erneut ihre zentrale Forderung sein. Angesichts des neuen Prozesses würden die Friedensmütter „alles in ihrer Macht Stehende tun“, um zu einem nachhaltigen Frieden beizutragen. Dass ein solcher Prozess nicht durch einseitige Schritte vorangebracht werden könne, sei eigentlich recht einleuchtend, findet die Friedensmutter: „Herr Öcalan hat einen Schritt getan und seinen Aufruf gemacht; die Guerilla hat ihre Waffen verbrannt. Jetzt muss der Staat einen Schritt machen, die Regierung muss einen Schritt machen. Wir warten auf diese Schritte. Wir haben so viele Menschen geopfert; die Gefängnisse sind überfüllt. Worauf warten sie noch, um zu handeln?“
Weiterhin Inhaftierungen
Die Kinder Fince Akmans seien – wie viele andere auch – unrechtmäßig inhaftiert. Ihr Sohn Lokman, der zu einer verschärften lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt sei, habe schwere gesundheitliche Probleme, doch eine angemessene medizinische Behandlung werde ihm verwehrt.
„Auch meine Tochter ist im Gefängnis. Meine beiden Kinder sitzen ohne Grund im Gefängnis. Worauf wartet der Staat, um politische Gefangene und schwerkranke Häftlinge freizulassen? Anstatt die Gefängnisse zu leeren, haben sie noch mehr Menschen hineingepackt. Wir sagen: Es reicht. Diese Unterdrückung muss ein Ende haben.
Aufruf an Soldatenmütter
Wir kämpfen seit Jahren für den Frieden. Wir haben Mahnwachen gegen Rechtsverletzungen in Gefängnissen abgehalten; wir wurden unzählige Male während der Haft mit Handschellen gefesselt und geschlagen. Wir wollen keinen Krieg, wir wollen Frieden und Gerechtigkeit. Mütter wollen niemals Krieg.
Auch die Mütter von Soldaten müssen ihre Stimme für den Frieden erheben. Die Forderung nach Frieden kann nicht einseitig sein. Und genau aus diesem Grund werden wir als Friedensmütter unseren Ruf nach Frieden in diesem Prozess mehr denn je verstärken.“