Kartenspiel als Werkzeug politischer Bildung und kollektiver Erinnerung
Mit „Konföderale Kooperation“ erscheint ein Kartenspiel, das auf überraschende Weise zeigt, wie politische Bildung, Erinnerungskultur und kollektive Organisierung zusammenfinden können. Entwickelt von Aktivist:innen aus dem YA-Media Kollektiv versteht sich das Spiel als Einladung, den demokratischen Konföderalismus nicht nur theoretisch zu begreifen, sondern aktiv zu erleben.
Im Zentrum steht eine Form des Erinnerns, die nicht museal oder retrospektiv ist, sondern lebendig, widerständig und gemeinschaftsbildend. Die Spieler:innen begegnen Ressourcen wie Gedenkstätten, Kulturabenden, Tagebüchern oder kollektiver Erinnerungskultur – alles Elemente, die in kurdischen und anderen widerständigen Bewegungen eine zentrale Rolle spielen. Sie stehen nicht nur als Symbole auf Karten, sondern als Werkzeuge im Spiel selbst: Sie stärken Strukturen, schaffen Verbindungen und halten das Bewusstsein für vergangene Kämpfe wach. „Unsere Erinnerungskultur ist nichts Nostalgisches“, sagt eine der Entwickler:innen. „Sie ist ein lebendiger Prozess, der uns Orientierung gibt und uns handlungsfähig hält. Das Spiel sollte genau das vermitteln.“

Paradigma wird spielerisch erlebbar
Diese Verbindung von politischem Inhalt und Spielmechanik zeigt sich besonders deutlich in der Art, wie der demokratische Konföderalismus selbst umgesetzt wird. Statt abstrakter Prinzipien begegnen die Spieler:innen seinen zentralen Bausteinen in Form von Ressourcen: Demokratische Autonomie, Volksräte, Initiativkräfte, Kooperativen und Bildungszentren bilden das Rückgrat des strategischen Aufbaus. Jede Karte vermittelt einen Aspekt der Selbstverwaltung, der horizontalen Entscheidungsfindung oder ähnlichem – und eröffnet gleichzeitig eine konkrete spielerische Funktion. Eine Person aus dem Team formuliert es so: „Wir wollten zeigen, wie sich diese Strukturen anfühlen. Der Konföderalismus lebt davon, dass viele Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen – genau wie im Spiel. Wenn auch ganz klar gesagt werden muss, dass es nur ein sehr herunter gebrochenes Abbild der Realität ist. Dennoch finden wir es wichtig, es auch schon spielerisch erlebbar zu machen.“
Karten: Kritik & Selbstkritik, feministische Geschichtsschreibung, YPJ
Untrennbar damit verbunden ist die Frauenbefreiung, die auch im Kartenspiel eine tragende Rolle einnimmt. Karten wie Kritik & Selbstkritik, feministische Geschichtsschreibung, YPJ, kollektive Bindung und Frauenzentren erinnern daran, dass die kurdische Bewegung ohne die radikale Umwälzung patriarchaler Strukturen nicht zu denken ist. Die Mechaniken dieser Karten stärken den Zusammenhalt der Spieler:innen, helfen, Blockaden zu lösen oder ermöglichen besondere Kooperationszüge. „Wir wollten, dass die Spieler:innen intuitiv spüren, dass ohne Feminismus nichts funktioniert“, sagt ein Entwickler. „Nicht als Zusatz, sondern als Grundlage.“

Denn Blockaden gibt es im Spiel reichlich. Dargestellt werden sie durch Repressionskarten – patriarchale Strukturen, dschihadistische Gruppen, internationale Repression und das türkische Militär. Die Entscheidung, diese politischen Realitäten nicht auszuklammern, war bewusst. „Wir können nicht über Befreiung sprechen und die Kräfte verschweigen, die sie zerstören wollen“, erklärt eine Mitentwicklerin. „Aber wir wollten auch zeigen, dass Solidarität und gemeinsames Handeln Wege eröffnen, diese Blockaden zu durchbrechen.“ Das Spiel greift damit reale politische Dynamiken auf, ohne in pädagogischen Zeigefinger oder reine Symbolik zu verfallen.
Das Spiel selbst funktioniert kooperativ: Alle Spieler:innen teilen sich 15 verdeckte Handkarten, die sie zu Beginn kurz einsehen und anschließend gemeinsam verwalten. In der Mitte liegen vier gesellschaftliche Strukturen, die Schritt für Schritt aufgebaut werden – jeweils von der niedrigsten Karte bis zur Ideologiekarte. Dabei dürfen bestimmte Zahlen übersprungen werden, was strategische Entscheidungen und kollektive Absprachen erfordert. Jede Runde ziehen die Spieler:innen Karten, tauschen sie oder legen sie in die Gemeinschaftsstrukturen, während sie sich auf ihr Gedächtnis und die Hinweise der anderen verlassen müssen.
Bedrohungskarten wie patriarchale Strukturen oder staatliche Repression blockieren Teile des Spielfelds, bis sie durch gemeinsame Aktionen überwunden werden. Ressourcen- und Prinzipienkarten stärken hingegen den Aufbau und eröffnen besondere Kooperationszüge. Gewonnen wird nur, wenn alle vier Strukturen vollständig stehen. Das Spiel fordert also nicht Konkurrenz, sondern gemeinsames Erinnern, strategisches Denken und solidarisches Handeln – die gleichen Prinzipien, auf denen der demokratische Konföderalismus selbst beruht.

Erlös geht in Teilen an die Stiftung der Freien Frau in Syrien
Ein sehr wichtiges Element des Spiels sind die Personenkarten. 28 Personen, die wichtig für den demokratischen Konföderalismus waren und sind, werden hier samt Zitat und wichtiger Daten abgebildet. „Es hätten genauso gut 100 Karten sein können und wir hätten nur einen Bruchteil der Personen abgebildet, die es verdient hätten“, sagt eine Person des Entwicklungsteams. Es sei daher nur ein erster Versuch spielerische Erinnerungsarbeit für einige Personen und der ganzen Idee zu schaffen.
Doch „Konföderale Kooperation“ ist nicht nur inhaltlich politisch. Auch seine Produktionslogik folgt solidarischen Prinzipien: Die Verkaufssumme deckt die Druckkosten, während der Überschuss an die Stiftung der Freien Frau in Syrien (WJAS) gespendet wird. Die Stiftung arbeitet für Geschlechtergerechtigkeit, sprachliche und religiöse Vielfalt, interethnischen Respekt sowie für Zugang zu Bildung, Gesundheit und ökonomischer Selbstbestimmung – Ziele, die sich in den Strukturen des Spiels direkt wiederfinden.

Verbundenheit mit den widerständigen Kulturen Kurdistans
Was „Konföderale Kooperation“ letztlich auszeichnet, ist genau diese Verschränkung: gemeinsames Lernen, politisches Bewusstsein, solidarisches Handeln und eine tiefe Verbundenheit mit den widerständigen Kulturen Kurdistans. Das Spiel ist keine Belehrung, sondern ein Erfahrungsraum. Es schafft Zugang zu einer politischen Weltanschauung, die normalerweise theoretisch bleibt – und macht sie durch kollektives Spiel erlebbar.
In einer Zeit, in der linke Bewegungen nach Wegen suchen, Wissen zu vermitteln und Erinnerung lebendig zu halten, setzt dieses Projekt einen bemerkenswerten Akzent. „Wir wollten etwas schaffen, das Hoffnung gibt“, sagt eine der Entwickler:innen zum Abschluss. „Etwas, das zeigt, dass wir gemeinsam Strukturen aufbauen können – im Spiel und in der Realität.“