Nach Jahrzehnten in Haft: Kurdischer Gefangener hofft auf politischen Wandel

Nach 31 Jahren Haft in der Türkei ist der kurdische politische Gefangene Ahmet Temiz kürzlich freigekommen. Mit ANF spricht er über seine Haftzeit, den Widerstand hinter Gittern und seine Hoffnung auf eine friedliche Lösung der kurdischen Frage.

Ahmet Temiz

Nach mehr als drei Jahrzehnten in türkischer Haft ist der kurdische politische Gefangene Ahmet Temiz im September aus dem Gefängnis entlassen worden. Der heute über 50-Jährige war 1994 in Amed (tr. Diyarbakır) festgenommen und später von einem Staatssicherheitsgericht wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer „terroristischen“ Organisation zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. Über seine Haftzeit, die Umstände der Entlassung und seine politischen Hoffnungen sprach Temiz nun mit ANF.

„Als mir meine Entlassung mitgeteilt wurde, war ich aufgewühlt“, sagte Temiz. „Ich hatte mir diesen Moment immer wieder vorgestellt. Aber dass so viele Menschen mich empfangen würden – damit habe ich nicht gerechnet.“ Der Kurde wurde in verschiedenen Haftanstalten im Land festgehalten, darunter in Amed, Amasya, Ankara und Tekirdağ.


Die Haftentlassung war in der Vergangenheit mehrfach hinausgezögert worden. Begründet wurde dies damit, dass Temiz keine Reue gezeigt, sich nicht vom politischen Kontext seiner Verurteilung distanziert und weiter Kontakt zu anderen politischen Gefangenen gepflegt habe. Auch wurde ihm vorgehalten, seine „Schuld“ nie anerkannt zu haben.

„Gefängnisse in Orte des Widerstands verwandelt“

Trotz der langen Haftzeit spricht Temiz von innerer Stärke – getragen durch politische Überzeugung und Solidarität. „Unsere größte Kraftquelle war immer der Blick nach draußen: auf den Kampf unseres Volkes“, sagte er. „Wenn man sich diesem Ziel verpflichtet fühlt, dann können selbst engste Zellen einen nicht begrenzen.“ Die politischen Gefangenen hätten die Haftanstalten „in Orte des Widerstands“ verwandelt, so Temiz weiter. Die Missstände und Menschenrechtsverletzungen seien zwar allgegenwärtig gewesen, doch für viele hätten sie eine nachgeordnete Rolle gespielt: „Was uns aufrechterhielt, war der Gedanke an das, was draußen geschieht.“

Kritik am Strafvollzug und an systematischen Einschränkungen

Besonders kritisch äußerte sich Temiz über die Zustände in türkischen Gefängnissen. Die geltenden Gesetze würden in der Praxis oft ignoriert, sagte er. „Das Vollzugssystem ist in hohem Maße auslegungsfähig – und diese Auslegung erfolgt meist zu Ungunsten der Inhaftierten.“ Insbesondere politische Gefangene seien systematischen Einschränkungen ausgesetzt – etwa beim Zugang zu medizinischer Versorgung, zu Büchern und Zeitungen oder im Kontakt mit Angehörigen. Auch die juristische Auseinandersetzung mit den Missständen sei selten erfolgreich: „Die Justiz bietet kaum effektive Mittel zur Durchsetzung unserer Rechte.“

Hoffnung auf politische Lösung, Unterstützung für Öcalan

Mit Blick auf die aktuelle politische Lage in der Türkei äußerte Temiz vorsichtige Hoffnung. Anlass dafür sei die vom kurdischen Repräsentanten und PKK-Begründer Abdullah Öcalan angestoßene Initiative zur Wiederaufnahme eines Friedensprozesses. Öcalan, der seit 1999 auf der Gefängnisinsel Imrali in politischer Geiselhaft des türkischen Staates sitzt, hatte mit seinem am 27. Februar veröffentlichten „Aufruf für Frieden und demokratische Gesellschaft“ einen entsprechenden Impuls gegeben.

„Ich war noch im Gefängnis, als ich von der Initiative erfuhr“, sagte Temiz. „Wir waren bewegt und zugleich vorsichtig optimistisch. Abdullah Öcalan hat in der Vergangenheit mehrfach gezeigt, dass er politische Prozesse gestalten kann. Wir glauben an seine Rolle als Wegweiser.“ Eine politische Lösung könne jedoch nur unter veränderten Bedingungen gelingen: „Herr Öcalan muss unter freiheitlichen Bedingungen wirken können. Der Friedensprozess braucht Raum, Dialog und Vertrauen.“

Geteilte Freude

Seine eigene Entlassung beschreibt Temiz als einen „sehr emotionalen Moment“, zugleich aber auch als schmerzlich: „Ich bin frei, doch Tausende Freundinnen und Freunde bleiben in Haft. Meine Freude bleibt deshalb unvollständig.“ Die größte Hoffnung bleibe, dass alle politischen Gefangenen – allen voran Öcalan – in einem künftigen demokratischen Prozess eine Rolle spielen könnten.